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Merchant of Record (MoR)

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Merchant of Record (MoR) ist die juristische Person, die gegenüber dem Endkunden als Verkäufer auftritt: Sie schließt den Kaufvertrag, zieht die Zahlung ein, stellt die Rechnung aus, schuldet die Umsatzsteuer und trägt die Haftung für Rückerstattungen, Chargebacks und Pflichtinformationen. Der Begriff stammt aus dem Kartenzahlungsgeschäft und bezeichnet dort den Händler, auf dessen Namen die Transaktion beim Acquirer läuft und dessen Name auf der Kreditkartenabrechnung des Kunden erscheint.

Im klassischen Onlineshop bist du selbst Merchant of Record, ohne darüber nachzudenken. Interessant wird der Begriff in drei Situationen: wenn du einen MoR-Dienstleister wie Paddle oder Lemon Squeezy zwischen dich und den Kunden schaltest, wenn du über einen Marktplatz verkaufst, und seit 2025 beim Agentic Commerce, bei dem ein KI-Agent den Kauf für den Kunden abschließt.

Dieser Eintrag erklärt, was der Merchant of Record rechtlich und technisch verantwortet, wie er sich von Seller of Record, Zahlungsdienstleister und Marktplatz unterscheidet und warum die großen Agentic-Commerce-Protokolle den Händler ausdrücklich in dieser Rolle belassen.

Was der Merchant of Record verantwortet

Die Rolle bündelt alles, was aus Sicht des Kunden und der Behörden an einem Verkauf hängt. Paddle, einer der bekanntesten MoR-Dienstleister, fasst es in seiner Definition so zusammen: Ein Merchant of Record ist „a legal entity responsible for selling goods or services to an end customer“, verwaltet alle Zahlungen und übernimmt die damit verbundenen Haftungen, etwa die Erhebung von Umsatz- oder Sales-Steuern, die PCI-Compliance und die Abwicklung von Refunds und Chargebacks.

Für einen Händler in Deutschland heißt das konkret, dass der Merchant of Record in der Regel diese Pflichten trägt:

  • Vertragspartner des Kunden: Der Kaufvertrag kommt zwischen Kunde und MoR zustande. Wer auf der Bestellbestätigung und auf der Rechnung steht, ist der Vertragspartner, nicht der Betreiber der Checkout-Oberfläche.
  • Rechnungsstellung: Wer als Unternehmer eine Lieferung oder Leistung ausführt, ist nach § 14 UStG berechtigt und in bestimmten Fällen verpflichtet, eine Rechnung mit den gesetzlichen Pflichtangaben auszustellen.
  • Umsatzsteuer: Der MoR schuldet die Umsatzsteuer auf den Verkauf und meldet sie an. Bei grenzüberschreitenden Verkäufen an Verbraucher kommen die Regeln des EU-Fernverkaufs und das One-Stop-Shop-Verfahren hinzu.
  • Widerruf und Gewährleistung: Widerrufserklärungen, Rücksendungen, Nacherfüllung und Rückzahlungen laufen gegen den Vertragspartner. Mehr zur Frist unter Widerrufsfrist.
  • Pflichtinformationen im Checkout: Im elektronischen Geschäftsverkehr mit Verbrauchern muss der Unternehmer die Bestellsituation nach § 312j BGB so gestalten, dass der Kunde ausdrücklich bestätigt, sich zu einer Zahlung zu verpflichten. Eine Schaltfläche muss gut lesbar mit „zahlungspflichtig bestellen“ oder einer entsprechend eindeutigen Formulierung beschriftet sein, sonst kommt der Vertrag nicht zustande.
  • Zahlungsrisiko: Chargebacks, Betrugsfälle und Rückbuchungen landen beim Merchant of Record, weil sein Name auf der Kartenabrechnung steht und die Kartenorganisationen ihn als Händler führen.

Dieser Eintrag ersetzt keine Rechts- oder Steuerberatung. Welche Pflichten in deiner konkreten Konstellation beim MoR und welche beim Produkthersteller liegen, hängt vom Vertrag und vom Einzelfall ab und sollte juristisch geprüft werden.

Der Ursprung im Kartengeschäft

Historisch ist der Merchant of Record der Händler, der einen Acquiring-Vertrag mit einer Bank hat und unter einer eigenen Merchant-ID Kartenzahlungen akzeptiert. Daraus erklärt sich die Haftungslogik: Die Kartenorganisationen kennen nur diesen Händler. Alle Rückbuchungen, Gebühren und Compliance-Anforderungen, etwa PCI DSS, richten sich an ihn. Ein Payment Service Provider (PSP) übernimmt die technische Abwicklung, tritt aber nicht als Verkäufer auf. Der Vertrag mit dem Kunden bleibt beim Händler.

Merchant of Record, Seller of Record, PSP und Marktplatz im Vergleich

Im Alltag werden die Begriffe oft vermischt. Die folgende Tabelle ordnet die vier Rollen anhand der Frage, wer Vertragspartner des Kunden ist, wer die Steuer schuldet und wer das Zahlungsrisiko trägt. Wichtig ist, dass Merchant of Record und Seller of Record in der Praxis häufig zusammenfallen, aber nicht müssen.

Merchant of Record im Vergleich mit Seller of Record, Zahlungsdienstleister und Marktplatz
RolleVertragspartner des KundenRechnung und UmsatzsteuerZahlungsrisiko (Chargebacks, Betrug)Typisches Beispiel
Merchant of RecordJaStellt die Rechnung, schuldet die SteuerTrägt esEigener Shopware-Shop; Paddle oder Lemon Squeezy für Software
Seller of RecordJe nach Modell; wirtschaftlicher Verkäufer der WareKann beim MoR liegen, wenn dieser weiterverkauftMeist nichtHersteller, der über einen MoR-Dienstleister verkauft
Zahlungsdienstleister (PSP)NeinNein, nur AbwicklungNur technische Verarbeitung, Risiko bleibt beim HändlerStripe Payments, Mollie, Adyen, PayPal Checkout
MarktplatzMeist nicht; vermittelt zwischen Käufer und VerkäuferVerkäufer; Plattform kann in bestimmten Fällen steuerlich als Lieferer geltenJe nach Marktplatzregeln geteiltAmazon Marketplace, Etsy, Zalando Partnerprogramm

Seller of Record

Der Seller of Record ist das Unternehmen, das die Ware oder Leistung wirtschaftlich verkauft und meist auch hergestellt oder eingekauft hat. Im MoR-Modell eines Software-Anbieters ist der Hersteller Seller of Record, der Dienstleister jedoch Merchant of Record. Der Dienstleister kauft die Lizenz formal ein und verkauft sie im eigenen Namen weiter, oft als „Reseller-Modell“ bezeichnet. Der Hersteller erhält eine Auszahlung abzüglich Gebühren und stellt nur eine Rechnung an den Dienstleister, nicht an die vielen Endkunden.

Zahlungsdienstleister

Ein PSP oder Payment Facilitator wie Stripe, Mollie oder Adyen stellt die Schnittstelle zu Kartennetzen, Wallets und Banken bereit. Er zieht das Geld ein und zahlt es aus, aber der Händler bleibt Verkäufer, Rechnungssteller und Steuerschuldner. Wenn du im Shop „Stripe“ einbindest, hast du deshalb keinen Merchant of Record beauftragt, sondern einen Zahlungsdienstleister. Erst das Produkt Stripe Managed Payments, das auf der 2024 übernommenen Lemon-Squeezy-Technik aufsetzt, bietet das MoR-Modell an.

Marktplatz

Ein Marktplatz vermittelt. Der Kaufvertrag kommt in der Regel zwischen Käufer und Drittverkäufer zustande, auch wenn der Marktplatz den Checkout und oft die Zahlung übernimmt. Steuerlich hat die EU für bestimmte Konstellationen, etwa Einfuhren aus Drittländern, Marktplätze zum fiktiven Lieferer gemacht, womit sie für diese Verkäufe die Umsatzsteuer schulden. Für inländische Verkäufe eines deutschen Händlers über einen Marktplatz bleibt der Händler normalerweise Steuerschuldner und Vertragspartner.

MoR-Dienstleister für Software und digitale Produkte

Das MoR-Modell ist vor allem im SaaS- und Software-Geschäft verbreitet, weil dort das Produkt digital ist und weltweit verkauft wird. Wer eine App oder ein Plugin an Kunden in 40 Ländern verkauft, müsste sich in vielen Rechtsordnungen umsatzsteuerlich registrieren, Steuersätze pflegen, Rechnungen in Landesformaten ausstellen und sich mit Chargebacks in fremden Währungen befassen. Genau diesen Block nimmt der MoR-Dienstleister ab.

Paddle

Paddle tritt gegenüber dem Endkunden als Verkäufer auf. Der Kunde kauft bei Paddle, Paddle stellt die Rechnung, berechnet und führt die Steuer ab und erscheint auf der Kartenabrechnung. Der Softwarehersteller bekommt periodische Auszahlungen. Für Käufer ist das manchmal irritierend, weil auf dem Kontoauszug nicht der Produktname, sondern der Dienstleister steht. Für den Hersteller reduziert es den Verwaltungsaufwand erheblich.

Lemon Squeezy und Stripe

Lemon Squeezy wurde 2021 gestartet und positioniert sich mit dem Satz „We're your merchant of record. That means we handle payments, merchant fees, fraud and sales tax“. Im Juli 2024 hat Stripe das Unternehmen übernommen; Stripe-CEO Patrick Collison kündigte an, MoR-Verkäufe „in a big way“ zu skalieren. Das Ergebnis ist Stripe Managed Payments, mit dem Stripe neben dem reinen PSP-Geschäft auch das MoR-Modell anbietet.

App Stores als Merchant of Record

Auch Apples App Store und Google Play arbeiten für In-App-Käufe im MoR-Modell: Der Store ist Vertragspartner des Kunden, stellt die Rechnung, führt die Steuer ab und zahlt den Entwickler abzüglich Provision aus. Das erklärt, warum Entwickler keine Rechnungen an App-Nutzer schreiben und warum Rückerstattungen über den Store laufen. Es erklärt auch, warum die Provisionshöhe und der Zwang zum Store-Checkout so umkämpft sind.

Vor- und Nachteile des MoR-Modells

Ob du einen MoR-Dienstleister einschaltest, ist eine Abwägung zwischen Aufwand und Kontrolle. Die Gebühren liegen typischerweise über denen eines reinen Zahlungsdienstleisters, weil der MoR nicht nur Zahlungen abwickelt, sondern Steuer, Rechnungen, Risiko und Support trägt.

  • Vorteil Compliance: Steuerregistrierungen, Steuersätze, Rechnungsformate und Meldungen in vielen Ländern entfallen für dich.
  • Vorteil Risiko: Chargebacks, Betrug und PCI-Anforderungen verlagern sich zum Dienstleister.
  • Vorteil Geschwindigkeit: Ein globaler Launch ist in Tagen statt Monaten möglich.
  • Nachteil Kosten: Die Gesamtgebühr ist höher als PSP-Gebühr plus eigener Buchhaltung, sobald das Volumen groß und die Zielmärkte wenige sind.
  • Nachteil Kundenbeziehung: Der Kunde kauft formal bei einem Dritten. Rechnungen, Mahnungen und Kontoauszüge zeigen dessen Namen. Daten und Kundenkonto liegen teilweise beim Dienstleister.
  • Nachteil Abhängigkeit: Preismodelle, unterstützte Länder und Produktkategorien bestimmt der Dienstleister. Physische Waren decken die meisten Software-MoRs gar nicht ab.

Für einen klassischen Shopware-Händler mit physischen Produkten und Hauptmarkt DACH ist das MoR-Modell selten sinnvoll. Für einen Plugin- oder SaaS-Anbieter mit weltweiter Nachfrage und kleinem Team kann es die einzig realistische Lösung sein.

Merchant of Record im Agentic Commerce

Mit dem Aufkommen von KI-Agenten, die Produkte suchen und direkt im Chat kaufen, ist die Frage neu aufgeflammt: Wer ist Verkäufer, wenn der Kauf in ChatGPT oder in Googles AI Mode abgeschlossen wird? Die beiden großen Protokolle beantworten sie gleich: Der Händler bleibt Merchant of Record, der Agent ist nur Vermittler.

ACP: OpenAI und Stripe

Das Agentic Commerce Protocol (ACP) wurde von Stripe und OpenAI entwickelt und ist unter der Apache-2.0-Lizenz offen. Die Spezifikation hält fest: „With ACP, businesses maintain their customer relationships as the merchant of record, retaining control over which products can be sold, how they're presented, and how orders are fulfilled.“

OpenAI beschreibt in der Ankündigung von „Buy it in ChatGPT“ vom 29. September 2025 die Rolle des Chatbots als „the user's AI agent“, der Informationen zwischen Nutzer und Händler weiterreicht, „just like a digital personal shopper would“. Erste Partner waren Etsy-Verkäufer, Shopify-Händler folgten.

UCP: Google und Shopify

Google hat am 11. Januar 2026 das Universal Commerce Protocol (UCP) vorgestellt, gemeinsam entwickelt mit Shopify, Etsy, Wayfair, Target und Walmart und von mehr als 20 weiteren Unternehmen unterstützt, darunter Adyen, Stripe, Mastercard, Visa und Zalando.

Auch hier bleibt der Händler Merchant of Record und behält die Kundenbeziehung. Im Google-Marketing-Live-Update vom Mai 2026 formuliert Google es für den Checkout in AI Mode und Gemini unmissverständlich: „Regardless of how a shopper chooses to buy, the retailer always remains the merchant of record.“

Was das für Händler bedeutet

Die Entscheidung ist für Händler günstig, bringt aber Pflichten mit. Wenn du Merchant of Record bleibst, gelten deine AGB, deine Widerrufsbelehrung und deine Rechnungen auch für Käufe, die im Chat abgeschlossen werden. Du musst deshalb sicherstellen, dass der Agent die Pflichtinformationen korrekt an den Kunden weitergibt und dass eine Bestellbestätigung mit allen Angaben beim Kunden ankommt.

Die Button-Lösung aus § 312j BGB ist für einen Chat ohne Schaltfläche nicht eins zu eins übertragbar; wie Gerichte eine agentische Bestellung bewerten, ist noch offen.

Technisch bedeutet es, dass dein Shop einen Produktfeed, eine Checkout-Schnittstelle und eine Order-API bereitstellt, die das Protokoll anspricht. Zahlung läuft über einen Token des Zahlungsdienstleisters, die Bestellung entsteht in deinem System. Für Shopware-Händler heißt das, Bestellungen aus Agenten wie jeden anderen Kanal zu behandeln, mit eigenem Sales Channel, eigener Rechnung und eigener Retourenabwicklung.

Ein praktisches Beispiel

Ein Hersteller aus Mönchengladbach verkauft ein Shopware-Plugin als Jahreslizenz und zusätzlich physische Hardware. Für die Lizenz nutzt er einen MoR-Dienstleister: Der Dienstleister ist Vertragspartner der Käufer in 30 Ländern, stellt die Rechnungen, führt die Umsatzsteuer ab und wickelt Rückerstattungen ab. Der Hersteller erhält eine monatliche Abrechnung und bucht nur einen Geschäftspartner.

Für die Hardware bleibt er selbst Merchant of Record im eigenen Shop, mit einem PSP für die Zahlung. Er stellt die Rechnungen nach § 14 UStG, trägt das Chargeback-Risiko und bearbeitet Widerrufe. Als er den Shop für Agentic Commerce öffnet, ändert sich daran nichts: Auch die Bestellung, die ein Kunde über einen KI-Agenten auslöst, landet als Bestellung in seinem Shopware, mit seiner Rechnung und seiner Widerrufsbelehrung.

Häufige Fragen

Ist ein Zahlungsdienstleister wie Stripe oder Mollie automatisch Merchant of Record?

Nein. Ein PSP wickelt Zahlungen ab, der Händler bleibt Verkäufer, Rechnungssteller und Steuerschuldner. Erst spezielle MoR-Produkte, etwa Stripe Managed Payments oder Paddle, übernehmen die Verkäuferrolle.

Wer stellt die Rechnung, wenn ich über einen MoR-Dienstleister verkaufe?

Der Dienstleister stellt die Rechnung an den Endkunden, weil er Vertragspartner ist. Du stellst deine Rechnung oder Gutschrift an den Dienstleister, der dir den Erlös abzüglich Gebühren auszahlt. Wie das steuerlich korrekt gebucht wird, klärst du mit deiner Steuerberatung.

Bleibe ich Merchant of Record, wenn ein KI-Agent in ChatGPT oder Google kauft?

Ja. Sowohl das Agentic Commerce Protocol von OpenAI und Stripe als auch das Universal Commerce Protocol von Google und Shopify legen fest, dass der Händler Merchant of Record bleibt und die Kundenbeziehung behält. Der Agent vermittelt nur.

Lohnt sich ein MoR-Dienstleister für einen deutschen Onlineshop mit physischen Waren?

In der Regel nicht. Die meisten MoR-Anbieter sind auf digitale Produkte ausgerichtet, und die Gebühren liegen über denen eines PSP. Sinnvoll wird das Modell bei weltweitem Verkauf digitaler Produkte mit kleinem Team.

Was ist der Unterschied zwischen Merchant of Record und Seller of Record?

Der Merchant of Record ist der formale Verkäufer gegenüber Kunde, Kartenorganisation und Finanzamt. Der Seller of Record ist der wirtschaftliche Verkäufer der Ware. Im eigenen Shop sind beide identisch, im MoR-Modell fallen sie auseinander.

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