Das V-Modell XT
In Deutschland wurde das V-Modell ab den 1980er-Jahren im Auftrag des Bundes als Standard für IT-Projekte der Bundeswehr und der Bundesverwaltung entwickelt. Auf das V-Modell 97 folgte 2005 das V-Modell XT. „XT“ steht für „Extreme Tailoring“: Das Modell wird an das konkrete Projekt angepasst, statt es vollständig abzuarbeiten. Gepflegt wird es heute im Auftrag der Bundesregierung, die Unterlagen sind frei verfügbar.
- Vorgehensbausteine: Module aus Rollen, Aktivitäten und Produkten (Arbeitsergebnissen), die je nach Projekttyp kombiniert werden.
- Entscheidungspunkte: Feste Qualitätstore, an denen über die Fortsetzung des Projekts entschieden wird.
- Projektdurchführungsstrategien: Sie legen die Reihenfolge der Entscheidungspunkte fest. Das XT erlaubt ausdrücklich auch inkrementelle und agile Strategien.
- Auftraggeber und Auftragnehmer: Das XT beschreibt beide Seiten. Der Auftraggeber erstellt die Anforderungen als Lastenheft, der Auftragnehmer antwortet mit der Gesamtsystemspezifikation, dem Pflichtenheft.
Beispiel: V-Modell bei einer Schnittstelle zum ERP
Ein Hersteller lässt eine Software bauen, die Fertigungsaufträge aus dem ERP an die Maschinensteuerung übergibt und Rückmeldungen zurückschreibt. Die Anforderungen sind fest, weil Maschinen und ERP vorgegeben sind. Das V-Modell ordnet das Projekt so:
- Anforderungsdefinition: „Jeder freigegebene Fertigungsauftrag erscheint an der zuständigen Maschine; jede Fertigmeldung wird dem Auftrag im ERP zugeordnet.“ Dazu wird bereits der Abnahmetest festgelegt: ein realer Auftrag im Testbetrieb, vom ERP bis zur Rückmeldung.
- Systemspezifikation: Datenformate, Fehlerfälle (Maschine offline, Auftrag storniert) und Protokollierung werden beschrieben. Der Systemtest prüft jeden dieser Fälle.
- Architektur: Ein Dienst liest Aufträge aus dem ERP, ein zweiter spricht mit den Maschinen, eine Warteschlange entkoppelt beide. Der Integrationstest prüft das Zusammenspiel, auch wenn ein Teil ausfällt.
- Komponentenentwurf und Implementierung: Jede Komponente wird mit Unit-Tests gegen ihren Entwurf abgesichert.
Der Vorteil zeigt sich an der Abnahme: Weil der Abnahmetest seit der ersten Phase feststeht, ist klar, wann das Projekt fertig ist. Der Nachteil zeigt sich, wenn sich mitten im Projekt eine Anforderung ändert. Dann müssen alle betroffenen Ebenen links und rechts angepasst werden.
Wasserfallmodell: der Vorgänger
Das Wasserfallmodell ordnet die Phasen strikt nacheinander an: Anforderungen, Entwurf, Implementierung, Test, Betrieb. Jede Phase beginnt erst, wenn die vorherige abgeschlossen ist, wie Wasser, das von Stufe zu Stufe fällt. Als Ursprung gilt ein Aufsatz von Winston W. Royce aus dem Jahr 1970. Royce beschrieb dort die sequenzielle Abfolge, warnte aber selbst davor, sie ohne Rückkopplung anzuwenden, und empfahl Iterationen. Der Begriff „Wasserfall“ kam erst später auf.
Das V-Modell übernimmt die Abfolge des Wasserfalls, ergänzt aber die feste Zuordnung von Spezifikation und Test. Beim reinen Wasserfall steht der Test als einzelner Block am Ende, beim V-Modell ist für jede Entwurfsebene festgelegt, wie sie geprüft wird.
Vorgehensmodelle im Vergleich
Vorgehensmodelle legen fest, in welcher Reihenfolge die Tätigkeiten eines Softwareprojekts stattfinden und welche Ergebnisse dabei entstehen. Die wichtigsten im Überblick:
Das Spiralmodell stammt ebenfalls von Barry Boehm. Die Grenzen zwischen den Modellen sind in der Praxis fließend: Viele Teams arbeiten agil und behalten aus dem V-Modell die Zuordnung von Anforderung und Test, etwa über Akzeptanzkriterien und automatisierte Tests auf mehreren Ebenen. Mehr zum agilen Ansatz findest du im Eintrag agile Softwareentwicklung.
FAQ zum V-Modell
Was ist das V-Modell einfach erklärt?
Das V-Modell ist ein Vorgehensmodell, bei dem jede Planungsstufe, von den Anforderungen bis zur einzelnen Komponente, eine eigene Teststufe bekommt. Links im V wird geplant, unten programmiert, rechts geprüft, und zwar jeweils gegen die gegenüberliegende Planung.
Was ist der Unterschied zwischen Wasserfallmodell und V-Modell?
Beide arbeiten Phasen nacheinander ab. Das Wasserfallmodell hat am Ende einen Testblock, das V-Modell ordnet jeder Entwurfsphase eine eigene Testphase zu: Abnahmetest, Systemtest, Integrationstest und Komponententest. So wird schon beim Entwurf festgelegt, wie das Ergebnis geprüft wird.
Was bedeutet XT im V-Modell XT?
XT steht für „Extreme Tailoring“. Das V-Modell XT wird an das jeweilige Projekt angepasst: Je nach Projekttyp werden nur die passenden Vorgehensbausteine verwendet. Es ist seit 2005 der Entwicklungsstandard für IT-Vorhaben des Bundes.
Ist das V-Modell agil?
Das klassische V-Modell ist nicht agil, weil es die Phasen sequenziell abarbeitet. Das V-Modell XT lässt aber inkrementelle und agile Projektdurchführungsstrategien zu. In der Praxis kombinieren viele Teams agile Umsetzung mit dem Grundgedanken des V-Modells, jede Anforderung mit einem passenden Test zu verknüpfen.
Welche Vorgehensmodelle gibt es in der Softwareentwicklung?
Die bekanntesten sind das Wasserfallmodell, das V-Modell, das Spiralmodell, iterativ-inkrementelle Modelle sowie agile Ansätze wie Scrum und Kanban. Sie unterscheiden sich vor allem darin, wann Anforderungen festgelegt werden und wie das Projekt mit Änderungen umgeht.
Du stehst vor einer Ausschreibung oder brauchst eine belastbare Spezifikation? Wir unterstützen dich bei Lastenheft und Spezifikation und begleiten das Projekt danach mit Anforderungsanalyse und Projektmanagement, klassisch, agil oder als Mischform.