Eine Position von Slawa, CTO Next Levels. Kommentar, kein neutraler Vergleich.
Stell dir vor, du ziehst aus deiner Mietwohnung aus. Deine Möbel nimmst du mit. Den Anstrich an der Wand nicht. Den eingebauten Schrank, den du selbst hast einbauen lassen, auch nicht. Die Smart-Home-Verkabelung, die du verlegt hast, bleibt im Putz. Nach drei Jahren Miete bleibt dir am Ende eine Liste deiner Sachen. Nicht die Wohnung.
Das ist dein Shopify-Shop.
Disclaimer vorab: Next Levels’ Fokus liegt auf Shopware. Genau deshalb dieser Kommentar und kein „Shopware vs. Shopify”-Vergleich mit Feature-Matrix. Lies das Folgende als Position eines Beteiligten, der den Markt von der anderen Seite kennt.
Mein Punkt in einem Satz: 2026 gibt es kein gutes ökonomisches Argument mehr, einen Shop neu auf Shopify zu starten. Das letzte Argument, das wirklich getragen hat („Shopify ist billiger und schneller live als alles andere”), ist im Jahr des Agentic Development zusammengeklappt. Was übrig bleibt: ein gemietetes Schaufenster mit limitierter Differenzierung, hartem Plattform-Lock-in und einer Kostenstruktur, die mit dem Wachstum schlimmer wird.
Drei Beobachtungen dazu. Von der offensichtlichsten zur strukturellsten.
Hall of Fame: Fünf Shops, ein Look
Mach den Test. Öffne fünf der bekanntesten D2C-Shops in fünf Tabs: Allbirds, Gymshark, Brooklinen, Olipop, MVMT. Alle laufen auf Shopify Plus. Decke die Logos ab. Welcher Shop gehört welcher Marke?
Promo-Bar oben. Full-bleed Hero mit einem Lifestyle-Foto und einem dreiwörtigen Versprechen. Darunter drei Spalten mit Icon, Headline, einem Satz. Produkt-Grid. Sticky Cart-Drawer. Wenn du eine Marke wiedererkannt hast, lag es am Logo. Nicht am Shop.
Das ist kein Zufall. Shopify listet über zwanzig kostenlose Themes. Unter der Haube sind es Presets von genau zwei Kernen: Dawn (2021) und Horizon, seit Mai 2025 das neue Default-Theme für jeden frisch eröffneten Shop. Beide optimieren auf einen Visual Default, der nachweislich konvertiert. Konvertiert für jeden gleich. Das ist die Geschäftsgrundlage: Du sollst gar nicht so viel verändern. Je näher du am Standard bleibst, desto weniger zerschießt das nächste Theme-Update deinen Checkout, desto reibungsloser läuft das App-Ökosystem oben drauf.
Shopifys Mission-Statement lautet wörtlich: „Make commerce better for everyone.” Das ist ernst gemeint. Und genau das Problem. For everyone heißt: für deine Konkurrenz im selben Preset, mit demselben Hero-Layout, demselben Cart-Drawer. Eine Plattform, die Commerce für alle gleich gut macht, macht ihn für niemanden unterscheidbar.
Mit dem Standard zu starten ist okay. Auf dem Standard zu bleiben heißt: Deine Marke sieht aus wie 50.000 andere, inklusive deiner Konkurrenz. Den Standard zu verlassen heißt: Custom Liquid, fragile Sections-Files, und nach dem nächsten Online-Store-Update ein paar Tage Nacharbeit, weil sich das Schema geändert hat. Differenzierung kostet auf Shopify überproportional. Je teurer sie wird, desto seltener wird sie gemacht. Deshalb sehen die Shops aus wie Schwestern.
Vendor Lock-in: Der Shop gehört nicht dir
Vendor Lock-in ist ein Wort, das im Sales-Termin abgewunken wird („alle haben Lock-in”). Bei Shopify ist er strukturell, nicht graduell. Und er liegt nicht da, wo die meisten denken.
Liquid, Shopifys Templating-Sprache, ist tatsächlich Open Source. Du kannst sie auf GitHub anschauen und in Jekyll, also in jeder GitHub-Pages-Site, einsetzen. Was nicht Open Source ist, ist alles, was dein Shopify-Theme operativ zu deinem Shopify-Theme macht: das Section-Schema, die Theme-Editor-Bindings, das Settings- und App-Block-System, die Online-Store-2.0-Konventionen, der gesamte CDN- und Rendering-Pfad. Dein Theme ist nicht „nur Liquid”. Es ist Liquid plus ein Stack, der ausschließlich in Shopifys Runtime existiert. Wenn du gehst, geht das Theme nicht mit.
Wie sich das anfühlt, wenn der Vermieter renoviert, kannst du gerade live beobachten: Zum 26. August 2026 schaltet Shopify die Additional Scripts und Script-Tags auf Thank-you- und Order-Status-Seiten für alle Non-Plus-Shops ab. Jedes Conversion-Tracking, jedes Affiliate-Pixel, jede Custom-Logik, die dort seit Jahren läuft, muss bis dahin auf das neue, sandboxed Extensibility-Framework migriert sein. Sonst migriert Shopify automatisch, und was nicht portierbar ist, fällt weg. Das ist keine Bösartigkeit, es gibt gute technische Gründe dafür. Aber merk dir den Mechanismus: Eine Plattform-Entscheidung in Ottawa setzt eine Deadline in deinen Kalender, und du baust um. Nicht weil dein Shop es braucht. Weil dein Vermieter es beschlossen hat.
Der Checkout selbst ist seit Jahren der härteste Knackpunkt. Shopify hat den Zugang über Checkout UI Extensions schrittweise geöffnet; Post-Purchase Extensions und begrenzte Anpassungen über approved Apps gehen inzwischen auch auf Standard und Advanced. Die wirklich tiefgreifende Anpassung der Information-, Shipping- und Payment-Steps bleibt Plus-exklusiv, und auch dort innerhalb enger Leitplanken. Wenn du B2B-Steuerlogik oder eine alternative Bestätigungskette brauchst, beißt du dich fest. Zwei Lieferadressen pro Bestellung gehen schlicht nicht. Punkt.
Apps sind dein zweiter Lock-in. Jede Funktion außerhalb des Cores ist eine eigene Subscription. Jedes Datenmodell lebt in einer fremden Datenbank. Jeder App-Anbieter kann morgen die Preise verdoppeln oder verkauft werden. Wer 25 Apps abonniert hat, hat 25 Mini-SaaS-Verträge. Konkret gefragt: Was machst du, wenn Klaviyo nächstes Quartal 50 Prozent aufschlägt und deine 60.000 Kontakte samt Segmenten, Flows und Kaufhistorie dort liegen? Kündigen ist keine Option. Genau das ist der Vertrag, den du mit jeder App-Installation unterschreibst.
Die Daten dürfen exportiert werden. Produkte, Kunden, Bestellungen über CSV oder Admin API. Was nicht exportiert wird: alles, was deinen Shop operativ zu deinem Shop macht. Theme-Logik. Discount-Skripte. Flow-Automatisierungen. App-Konfigurationen. Metafield-Strukturen. Checkout-Customizing. Das ist der eigentliche Lock-in. Nicht die Daten. Der Apparat um sie herum.
Replatforming weg von Shopify ist deshalb selten ein 6-Wochen-Projekt. Es ist ein Replatforming.
Miete ist legitim. Es ist keine moralische Frage. Es ist eine ökonomische. Wieviel investierst du in eine Immobilie, die dir nicht gehört?
Das Kosten-Argument bricht zusammen
Die rationale Verteidigung von Shopify war über Jahre einfach: „Eigenes Shopsystem ist zu teuer und zu langsam live.” Das stimmt nicht mehr. Nicht ein bisschen weniger. Strukturell nicht mehr.
Was Shopify ehrlich gerechnet kostet. Eine mittelgroße D2C-Marke auf Shopify Advanced (Listenpreis $299/Monat bei Jahreszahlung, $399 bei monatlicher) plus die üblichen 15 bis 25 Apps landet bei $1.000 bis $2.500/Monat, bevor der erste Custom-Theme-Entwickler dazukommt. Welche Apps? Bei einem typischen Stack: Klaviyo für E-Mail (ab ~$200/Monat je nach Listengröße), Recharge oder Bold für Subscriptions ($99–$500/Monat plus Transaktions-Fees), Rebuy für Personalisierung ($200–$500), Loox oder Yotpo oder Judge.me für Reviews ($50–200), Aftership für Tracking, Gorgias für Support, dazu ein halbes Dutzend kleinerer Tools für Übersetzung, Bundles, Custom Fields, Wholesale-Locking, Bewertungs-Sync. Jeder Anbieter mit eigenem Preismodell, jeder mit eigener Kostenkurve nach oben.
Dazu kommen die Payment-Gebühren. Und an dieser Stelle steckt der versteckte Strafpfosten:
Wenn du Stripe, Adyen oder einen anderen Payment Provider statt Shopify Payments nutzt, kostet dich jede Transaktion zusätzliche 0,6 bis 2,0 Prozent — direkt an Shopify, zusätzlich zu dem, was du dem Payment Provider ohnehin zahlst. Auf Basic 2,0 %. Auf Advanced 0,6 %.
Das ist keine Servicegebühr. Das ist eine Wettbewerbssteuer, mit der Shopify dich an seinen eigenen Payment Provider bindet. Auf einem GMV von 5 Mio. Euro im Jahr sind das zwischen 30.000 und 100.000 Euro zusätzlich, je nach Plan, wenn du nicht auf Shopify Payments umschwenkst.
Bei einem GMV im einstelligen Millionenbereich summiert sich der laufende Stack schnell zu einem sechsstelligen Jahresbetrag. Laufend. Jedes Jahr. Ohne dass du einen Euro Eigentum aufbaust.
Was sich auf der anderen Seite verschiebt. Eigene Implementierungen (Shopware 6, Sylius, Medusa) hatten ihr ökonomisches Problem nie in Hosting oder Lizenz. Die liegen im niedrigen drei- bis kleinen vierstelligen Eurobereich pro Monat, je nach Last und Managed-Service-Grad. Das Problem waren Stundensätze. Der Branchen-Klassiker: Die Custom-Funktion, die im Angebot 8.000 € kostet, kostet real 12.000 €. Die Hälfte der Zeit fließt in Boilerplate, Wiring, Tests, Code-Style-Diskussionen.
Genau diese Stunden räumt Agentic Development weg. Ein erfahrener Entwickler schreibt heute weniger Code und reviewt mehr: Er fährt eine Spezifikation gegen ein Agentensystem (Claude Code, Cursor, Aider) und trimmt das Ergebnis im Review-Loop. Das ist die ganze Veränderung. Und sie reicht.
Die Studienlage dazu war lange das beste Gegenargument. Sie hat sich gerade gedreht, und das gehört genauso ehrlich gesagt. Die viel zitierte METR-Studie aus Juli 2025, die erfahrene Open-Source-Entwickler mit Cursor und Claude 3.5/3.7 vermessen hat, fand eine Verlangsamung um 19 %, trotz subjektiver Eigenwahrnehmung von Beschleunigung. Im Februar 2026 hat METR mit überarbeitetem Studiendesign nachgemessen: Die neue Kohorte von 47 Entwicklern lag nur noch bei −4 %, mit einem Konfidenzintervall, das bis +9 % reicht. METRs eigene Einordnung: Inzwischen sei es wahrscheinlich, dass KI-Tools Entwickler eher beschleunigen als bremsen, auch wenn Selektionseffekte die genaue Größe verschleiern. Das nüchterne Bild bleibt domänen-spezifisch: In Theme-Komposition, CRUD-UIs, Storefront-Frontends, Test-Generierung und Wiring-Boilerplate sind zweistellige Prozentsätze nach oben drin. In Greenfield-Architektur-Entscheidungen, harter Domain-Modellierung und Production-Debugging eher nicht.
Kurz gesagt: Die Frage ist nicht mehr, ob agentische Entwicklung schneller ist. Sondern wo. Und die Antwort deckt sich fast deckungsgleich mit dem, was ein Shop-Projekt teuer macht.
Genau jene Domänen, in denen Agentic Development liefert (Storefront, Theme, Form-Logik, State-Wiring, Standard-Backend-Plumbing), sind das Terrain, auf dem Shopify seine Einfachheits-Story verkauft. Eine Funktion, für die ein Shopware-Projekt 2022 noch 8.000 € Implementation und 2.000 €/Jahr Wartung brauchte, ist in einer sauberen Modellrechnung heute bei 4.000–5.000 € und 800 €/Jahr. Cross-rechne das gegen eine Shopify-Welt, in der jede dieser Funktionen eine App-Subscription mit jährlich steigenden Kosten ist, und der Break-even zwischen „eigenes Shopsystem” und „Shopify” verschiebt sich um eine Größenordnung nach links.
Die Hälfte der Stunden, die ein Custom-Feature 2022 gefressen hat, fließt heute nicht mehr in Boilerplate. Sie fällt weg.
Was du stattdessen tun solltest
Drei nüchterne Empfehlungen, je nachdem wo du heute stehst.
Wenn du noch gar nichts hast und schnell live musst, ist Shopify weiterhin eine legitime erste Etappe. Aber plane es ehrlich als Etappe, nicht als Ziel. Halte die Custom-Logik so dünn wie möglich. Vermeide jede App, deren Datenmodell du nicht aus dem Stand exportieren kannst. Notiere dir am ersten Tag, wann der TCO-Vergleichszeitpunkt fällig wird: als Faustregel bei sechsstelligem Jahres-GMV oder spätestens vor dem Plus-Upgrade.
Wenn dein Shop arbeitet und Geld bringt, rechne den TCO über fünf Jahre nach. Inklusive App-Subscriptions, Payment-Margen, Plus-Upgrade-Pfad und Custom-Theme-Wartung. Vergleiche das mit einer Shopware-Implementation, die heute mit Agentic-Entwicklungs-Workflows kalkuliert ist. Die Zahlen sehen anders aus als 2022, und sie sehen pro Jahr stärker anders aus.
Wenn du B2B, internationale Steuer-Logik, komplexe Sortimente, eigene Markenwelt oder ernsthaftes Headless brauchst, ist Shopify hier nicht das beste Werkzeug. War es nie. Es ist heute nur seltener auch das günstigste. Shopware 6 mit composable Frontends ist der ehrlichere Anker für alles oberhalb des klassischen D2C-Sortiments.
Es geht in diesem Kommentar nicht darum, welches System in welcher Feature-Matrix-Zeile vorne liegt. Es geht darum, dass das ökonomische Fundament, auf dem Shopify so lange erste Wahl war, gerade weggerollt wird. Von einer Produktivitäts-Verschiebung, die mit E-Commerce zunächst gar nichts zu tun hat und ihn trotzdem ändert.
Wer 2026 noch automatisch zu Shopify greift, trifft eine Entscheidung mit den Argumenten von 2020.
Slawa, CTO Next Levels.