Kurz erklärt
Das Kontextfenster (englisch Context Window) ist die maximale Menge an Text, gemessen in Tokens, die ein Sprachmodell bei einer Anfrage gleichzeitig verarbeiten kann: Systemanweisung, Gesprächsverlauf, mitgelieferte Dokumente und die erzeugte Antwort zusammen. Es ist das Arbeitsgedächtnis des Modells und bestimmt, wie viel Information in eine einzelne Aufgabe passt.
Wie das Kontextfenster funktioniert
Ein Sprachmodell liest keine Wörter, sondern Tokens: Textbausteine von etwa drei bis vier Zeichen im Englischen, im Deutschen wegen der langen Komposita eher etwas weniger Zeichen pro Token. Eine DIN-A4-Seite Fließtext entspricht grob 500 bis 700 Tokens, ein Roman von 300 Seiten rund 150.000 Tokens. Das Kontextfenster gibt an, wie viele dieser Tokens das Modell auf einmal „sehen" kann. Bei einem Fenster von 200.000 Tokens passen also mehrere hundert Seiten Text in eine einzige Anfrage; bei einer Million Tokens eine mittlere Codebasis oder ein Jahr Support-Tickets.
Technisch ergibt sich die Grenze aus der Transformer-Architektur. Ihr Kernmechanismus, die Self-Attention, setzt jedes Token mit jedem anderen Token im Fenster in Beziehung. Der Rechen- und Speicheraufwand wächst dabei quadratisch mit der Länge: Doppelt so viel Kontext bedeutet viermal so viel Attention-Rechnung. Deshalb waren die Fenster der ersten Generationen klein. GPT-3 verarbeitete 2020 rund 2.000 Tokens, GPT-4 startete 2023 mit 8.000 und 32.000 Tokens. Erst Fortschritte bei Positionskodierung (etwa RoPE mit Skalierung), effizienteren Attention-Varianten (FlashAttention, Sliding Window, Grouped Query Attention) und gezieltem Training auf lange Sequenzen machten Fenster von 128.000, 200.000 und schließlich einer Million Tokens möglich. Google demonstrierte mit Gemini 1.5 im Jahr 2024 als erster Anbieter ein Fenster von einer Million Tokens im produktiven Einsatz.
Was in das Fenster hineinzählt
- Systemprompt: Rollenbeschreibung, Regeln, Formatvorgaben. In Agenten-Setups oft mehrere tausend Tokens.
- Werkzeugdefinitionen: Bei Agenten die Beschreibung aller verfügbaren Tools; kann bei vielen Integrationen schnell 10.000 Tokens und mehr belegen.
- Gesprächsverlauf: Alle bisherigen Nutzer- und Modellnachrichten, einschließlich Tool-Aufrufe und Tool-Ergebnisse.
- Beigefügte Inhalte: Dokumente, Codedateien, Suchergebnisse, Datenbankauszüge.
- Die Antwort selbst: Auch die erzeugten Tokens belegen Platz. Viele Modelle haben zusätzlich eine eigene, kleinere Obergrenze für die Ausgabelänge.
- Denk-Tokens: Bei Modellen mit sichtbarem oder verborgenem Schlussfolgern (Reasoning) belegt auch dieser Zwischentext Kontext.
Wird die Grenze überschritten, lehnt die API die Anfrage ab oder die Anwendung muss ältere Teile des Verlaufs abschneiden oder zusammenfassen. Chat-Oberflächen tun das im Hintergrund automatisch, was erklärt, warum ein Assistent in langen Gesprächen Details vom Anfang „vergisst".
Typische Fenstergrößen im Überblick
Die Angaben der Anbieter haben sich in wenigen Jahren um mehrere Größenordnungen verschoben. Eine grobe Einordnung, die sich mit jeder Modellgeneration weiter nach oben verschiebt:
- Bis 8.000 Tokens: Erste Generation moderner Chatmodelle (2020 bis Anfang 2023). Reicht für ein Gespräch oder ein kurzes Dokument, nicht für ganze Verträge.
- 32.000 bis 128.000 Tokens: Standard ab 2023 und 2024. Ein umfangreicher Vertrag, ein Geschäftsbericht oder ein längerer Support-Verlauf passen vollständig hinein.
- 200.000 Tokens: Lange Zeit die Obergrenze der Claude-Modelle und vieler offener Modelle. Mehrere hundert Seiten oder ein mittleres Softwaremodul in einer Anfrage.
- 1 Million Tokens und mehr: Seit 2024 bei Gemini, inzwischen bei den Spitzenmodellen von Anthropic und OpenAI sowie bei mehreren offenen Modellen aus China Standard. Ganze Codebasen, Buchreihen oder Videoanalysen mit Transkript werden möglich.
Die Zahlen gelten jeweils für die API. Chat-Oberflächen und günstigere Abostufen bieten häufig ein kleineres Fenster als das technische Maximum des Modells, und für Fenster oberhalb von 200.000 Tokens berechnen einige Anbieter höhere Token-Preise.